Streit unter Geschwistern

Warum es ohne Streit nicht geht, welche Grenzen nicht überschritten werden dürfen und wie Eltern helfen können, Konflikte zu lösen.

Zwei Kinder stehen auf einer Wiese und streiten sich um einen Plüschhasen
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Es gibt viele Gründe, warum sich Kinder in die Haare geraten: aus Eifersucht, im Kampf um elterliche Aufmerksamkeit, weil eins gerade einen schlechten Tag hat und den Frust an jemandem auslassen muss, weil eins dem anderen in die Quere kommt oder schlicht aus Langeweile. Egal, aus welchem Grund die Fetzen fliegen - für die Eltern sind solche Auseinandersetzungen nervenaufreibend. Wie gelingt es, einen besseren Umgang mit diesen herausfordernden Situationen zu finden?

Warum ist Streiten wichtig?


Kinder lernen im Streit eine Menge: eigene Interessen zu vertreten, sich durchzusetzen oder abzugrenzen und einen Konflikt auszutragen. Sie bekommen ein Verständnis dafür, dass Standpunkte anderer ebenfalls ihre Berechtigung haben, üben sich darin, Kompromisse zu finden und machen die Erfahrung, dass nach dem Zoff Versöhnung möglich ist. 

All dies können Geschwister besonders gut miteinander üben, denn sie erleben unzählige Alltagssituationen, in denen Auseinandersetzungen unvermeidlich sind. Und weil sie sich insgeheim doch irgendwie mögen und sich nahe sind, können sie Konflikte zusammen durchstehen, die eine Freundschaft kaum aushalten würde. 

Welche Regeln sollten beim Streiten gelten?


Obschon Streit unter Geschwistern unvermeidlich und sogar lehrreich ist, sollten Kinder früh lernen, dabei gewisse Regeln einzuhalten. Als Eltern können Sie zum Beispiel festlegen, dass nicht geschlagen, gebissen oder getreten wird oder dass bestimmte Schimpfwörter nicht erlaubt sind. Grössere Kinder sollten auch lernen, einander ausreden zu lassen. 

Noch viel wichtiger als Regeln ist Ihr eigenes Vorbild. Wenn Sie selber im Streit schnell ausfällig werden oder herumschreien, schauen sich die Kinder dieses Verhalten von Ihnen ab. Versuchen Sie deshalb, Streitereien in der Partnerschaft fair und ohne gegenseitiges Erniedrigen auszutragen. Gewalt sollte natürlich erst recht tabu sein. 

Wann müssen Eltern eingreifen?


Bricht im Kinderzimmer ein Streit aus, möchten viele Eltern sofort eingreifen, um der unangenehmen Situation ein Ende zu setzen. Dies ist jedoch nicht sinnvoll. Mischen Erwachsene sich zu schnell ein, lernen Kinder nicht, selber eine Lösung für den Konflikt zu finden. Die Streithähne trennen sollten Sie deshalb erst, wenn ...

  • ... ein Kind körperliche oder verbale Gewalt anwendet.

  • ... ein Kind dem anderen alters- oder kräftemässig stark unterlegen ist und sich nicht wehren kann.

  • ... mehrere Kinder sich gegen eines verbünden.

  • ... die Kinder nicht in der Lage sind, selber eine Lösung zu finden und der Streit sich im Kreis dreht.

Wie können Eltern helfen, Streit zu schlichten?


Eingreifen bedeutet niemals, Partei für ein Kind zu ergreifen. Denn selbst wenn scheinbar sonnenklar ist, wer Opfer und wer Täter ist, haben Sie nicht den ganzen Streit mitbekommen und wissen deshalb nicht, wer welchen Beitrag zum Konflikt geleistet hat.

Um den Kindern zu helfen, aus dem Streit herauszufinden, sollten Sie erst einmal allen Beteiligten die Möglichkeit geben, den Hergang aus ihrer Sicht zu schildern. Werten Sie dabei keine der Aussagen und lassen Sie jedes Kind ungestört ausreden. Alle Beteiligten sollen ihre Gefühle äussern dürfen und erklären, was ihre Bedürfnisse sind.

Nachdem alle ihre Sicht der Dinge geschildert haben, ermutigen Sie die Kinder, selber einen Weg zu finden, den Streit zu beenden. Gelingt dies nicht, kann es nötig sein, ihnen den Gegenstand, um den der Konflikt entbrannt ist, für eine bestimmte Zeit wegzunehmen oder die Kinder zu trennen, bis sie wieder in der Lage sind, friedlich miteinander zu reden. Manchmal brauchen sie auch die Möglichkeit, ihre Wut rauszulassen, zum Beispiel, indem sie ein paar Runden ums Haus drehen oder sich an einem Boxsack abreagieren.

Natürlich sollten Sie auch Fehlverhalten klar benennen, wenn ein Geschwister grob verletzende Aussagen gemacht hat oder gewalttätig war. Kinder müssen immer wieder daran erinnert werden: Gefühle wie Wut sind zwar erlaubt, sie rechtfertigen aber nicht jede Handlung

Welche Reaktionen sind nicht hilfreich?


Im Bemühen darum, den Streit zu schlichten, greifen Eltern zuweilen zu Methoden, die wenig hilfreich sind. So kann Ihnen zum Beispiel das ewige Gezanke derart an den Nerven zerren, dass Sie selber laut werden. Damit wird die Sache nur noch schlimmer. Wenn Sie spüren, wie bei Ihnen selber die Wut hochkommt, versuchen Sie zuerst, wieder ruhig zu werden, bevor Sie das Gespräch mit den Kindern suchen. 

Ebenfalls nicht hilfreich ist es, wenn Sie die Streithähne fragen, wer denn mit dem Ganzen angefangen hat. Sie können sich sicher sein: Die Meinungen darüber, wer schuld ist, gehen weit auseinander und die Frage nach dem Auslöser heizt den Streit nur zusätzlich an. 

Schliesslich bringt es auch wenig, die Geschwister anzuweisen, sich beieinander zu entschuldigen. Eine erzwungene Entschuldigung bewirkt nichts, denn das Kind sagt einfach, was von ihm erwartet wird, ohne verstanden zu haben, was seine Handlung beim anderen ausgelöst hat. Besprechen Sie deshalb lieber, was jedes Kind bei dem Konflikt gefühlt hat, was man hätte anders machen können und was helfen würde, damit es allen wieder besser geht. So lernen Kinder, Verantwortung für ihr Verhalten zu übernehmen und sich aufrichtig zu entschuldigen oder eine andere Wiedergutmachung anzubieten. 

Wie lässt sich das Streitpotential verringern?


Ohne es zu wollen, können Eltern den Konkurrenzkampf zwischen Geschwistern anheizen, sodass diese noch viel häufiger aneinandergeraten. Um dies zu verhindern, sollten Sie:

  • Vergleiche zwischen Geschwistern möglichst vermeiden. Ob Sie nun sagen "Bravo, du hast dein Zimmer viel schneller aufgeräumt als dein Bruder" oder "Als sie so alt war wie du, konnte deine Schwester das schon längst" - bei Ihrem Kind bleibt hängen, der Bruder oder die Schwester sei das Mass aller Dinge und es selber sei nicht einzigartig oder gut genug. Das fördert die Rivalität zwischen den Geschwistern und schadet der Beziehung.

  • Den Kindern keine festen Rollen zuschreiben. Wird zum Beispiel eines stets als ordentlich und fleissig gerühmt, entsteht beim anderen der Eindruck, es habe diese Eigenschaften nicht mit auf den Weg bekommen. Irgendwann bemüht es sich deshalb gar nicht mehr darum, Ordnung zu halten und seine Hausaufgaben zeitig zu erledigen. Und schon bald bekommt es die Stempel "unordentlich" und "bequem" aufgedrückt. Auch das kann die Rivalität verstärken und zudem ein Leben lang prägen.

  • Nicht versuchen, allen Kindern exakt gleich viel zu geben, um gerecht zu sein. Dies wird Ihnen niemals gelingen und so werden die Kinder immer wieder einen Punkt finden, in dem sie im Vergleich zu den Geschwistern zu kurz gekommen sind. Versuchen Sie stattdessen, den Bedürfnissen jedes Kindes so gerecht wie möglich zu werden. Denn nicht jedes braucht zu jedem Zeitpunkt genau das Gleiche wie das andere. 

  • Darauf achten, dass die Geschwister nicht alles teilen müssen. Jedes Kind braucht ein paar Spielsachen, die nur ihm alleine gehören und die andere nicht einfach ungefragt nehmen dürfen. Jedes braucht einen Ort, an dem es auch mal ungestört tun kann, was es gerade möchte. Und jedes sollte hin und wieder die Mama oder den Papa ganz für sich alleine haben.

  • Vermeiden, Partei für ein Kind zu ergreifen. Manche Eltern tendieren dazu, immer das Älteste zu unterstützen, wenn sie selber das älteste Kind in der Familie waren. Oder sie haben das Gefühl, das Jüngste besonders schützen zu müssen, obschon dieses schon längst gelernt hat, den Grösseren gekonnt auf der Nase herumzutanzen, bis diese schliesslich explodieren. 

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